Marcel Odenbach, Tropenkoller – Topical Frenzy, 2017, Courtesy Galerie Gisela Capitain

Der Begriff Tropenkoller etablierte sich Ende des 19. Jahrhunderts, um deutsche Kolonialverbrechen zu rechtfertigen. Er aktiviert den rassistischen Mythos einer klimatischen Beeinflussung von Geist und Gesundheit in den Tropen Zentral- und Westafrikas. Die physische und sexuelle Gewalt der deutschen Besatzer wurde gezielt als ein durch den Tropenkoller ausgelöster “Kontrollverlust“ relativiert.

Marcel Odenbach wählt den Begriff als Titel seiner Videoarbeit Tropenkoller (2017). Am Beispiel von Togo konfrontiert der Künstler darin koloniales Archivmaterial mit gegenwertigen Aufnahmen der Hauptstadt Togos, Lomé. Es geht Odenbach um die kritische Auseinandersetzung mit der Kontinuität deutscher Kolonialverbrechen und ihre Verleugnungdurch den white gaze  (weißer Blick) – die ursprüngliche Funktion des Tropenkollers. Die Collage von Vergangenheit und Gegenwart entsteht in Kollaboration mit dem togolesischen Organisation WoeLab, dass im Kollektiv urbane Projekte in Lomé verwirklicht.

Der Unterbau eines Holzpiers erstreckt sich unter blauem Himmel über den linken Screen der zwei-Kanal-Videoinstallationen. Das rhythmische Brechen der Wellen an den Stützen wird von der rauschenden Geräuschkulisse einer körnigen Schwarz-Weiß-Dokumentation auf demrechten Screen übertönt. Dort schreiten in historischen Aufnahmen deutsche Kolonialsoldatenauf eben diesem Pier auf die Kamera zu. In ruhigen Wechsel zeigt Odenbach in langenStandaufnahmen die Überreste kolonialer Bauten der deutschen Kolonialisten an der Küste Lomés. Immer wieder wird die Doppelprojektion von ruckenden Archivaufnahmen aus dem Jahr 1913 unterbrochen. Abrupt wird eine Hälfte des Screens schwarz: In Frakturschrift werden die kolonialen Bestrebungen des Deutschen Reichs und des NS-Regimes daraufzitiert.

Odenbach überschreibt die zurückgelassenen Spuren der Kolonialzeit mit einer ruhigen Alltäglichkeit der Gegenwart. Zugleich wirft die hinterbliebene architektonische Substanz die Frage auf, inwiefern Architektur narrative Machtstrukturen weiterträgt? Szene für Szene, Fragment für Fragment collagiert Odenbach architektonische Beweismittel kolonialen Nachlebens (vgl. Saidiya Hartman) und hält dem white gaze den Spiegel im Jetzt vor.

For the archive is also a repository of practices, a textual trace of the repertoire that transforms and refuses the given [the black existence]. Saidiya Hartman (2022) S. 12

 

Ko-Kuration: Emma Tomberger

 

Marcel Odenbach (* 7. Juli 1953 in Köln) ist ein deutscher Videokünstler, Collagist und gelernter Architekt. Seine Arbeit umfasst eine intensive Auseinandersetzung mit der Verdrängung und den Bildpolitiken der deutschen Kolonialgeschichte und NS-Zeit. Odenbach lebt aktuell in der Stadt Biriwa, Ghana, die zeitweise immer wieder zu seiner Wahlheimatwird. Seine Arbeiten befinden sich in zahlreichen Sammlungen wie dem MoMA, New York, dem Centre Pompidou, Paris, dem Hamburger Bahnhof, Berlin, und dem MMK, Frankfurt. Zu Odenbachs jüngsten Ausstellungen zählt die Retrospektive „So oder so“ (2023) im K21, sowie zahlreiche internationale Ausstellungen wie in der National Gallery of Modern Art (Mumbai 2019) und dem MAIIAM- Contemporary Art Museum, Chiang Mai (2022). Im Jahre 2021 wurde der Künstler mit dem Wolfgang Hahn Preis ausgezeichnet.

Öffnungszeiten im Semester:
Montag bis Donnerstag, 12–17 Uhr
Freier Eintritt

I.G. Farben-Haus, Campus Westend
Goethe-Universität
1. Stock, Raum 1.357
Norbert-Wollheim-Platz 1
60323 Frankfurt am Main

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